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Sendung vom 14.02.2021 18:00:

Religiöse Minderheiten in Kurdistan

Kaka'i, Ahl-e Haqq (Leute der Wahrheit) bzw. Yaresan

Es sind schwierige Zeiten. Die Ausbreitung des Coronavirus verändert unser aller Alltag: Viele von uns finden sich im Homeoffice zurecht, wir machen uns Sorgen um unsere Gesundheit und die unserer Lieben. Jeden Tag werden neue Fallzahlen verkündet und weitere Schutzmaßnahmen verhängt. Wir bleiben zuhause und halten Abstand.
Radio oder Fernsehen sind Informationsflüsse, die uns zuhause erreichen, weshalb sie durch die veränderten Umstände eine verstärkte Aufmerksamkeit erfahren. Auch ROJ FM sendet weiterhin sein Programm in Corona Zeiten, zu dem ich sie herzlich einladen möchte. Diesmal geht es um die religiöse Minderheiten in Kurdistan und zwar um die Kaka'i, die auch Ahl-e Haqq (Leute der Wahrheit) bzw. Yaresan genannt.
"Kaka'i" ist ein Wort der kurdischen Sprache und bedeutet "großer Bruder" und symbolisiert eine hoher gestellte Respektsperson. Diese Bezeichnung impliziert die Prägung der sozialen Beziehungen der Kaka'i durch verwandtschaftliche Verbindungen, durch eine Form der Bruderschaft.
Unter der 35-jährigen Herrschaft Saddam Husseins zwischen 1968 und 2003 wurden keine Statistiken zu den ethnischen und religiösen Verhältnissen publiziert, daher können nur ungefähre Angaben hierzu gemacht werden. Nach Angaben der Bundeszentrale für politische Bildung leben in der Autonomen Region Kurdistan vorwiegend Muslime (ca. 90%) und zwar hauptsächlich Sunniten (80%), 10 Prozent sind Schiiten. Auch zu den religiösen Minderheiten gibt es nur Schätzungen, denen zufolge 5 Prozent der Bevölkerung zu den Kaka'i gehören. Der Anteil der Jeziden wird mit 2 Prozent angegeben, jenen der Christen auf 3 Prozent. Die Kaka'i bilden nach den Schiiten also die größte religiöse Minderheit in der Autonomen Region Kurdistan.
Die Kaka'i leben in ihrer Mehrzahl in den Städten Halabja, Kerkuk, Sulaymanie, Arbil, Mendeli, Kalar, Khaneqin und im Dorf Hawar in den Hauraman-Bergen an der iranischen Grenze. Außerhalb Autonomen Region Kurdistan leben Kaka'i vor allem im Iran, in der Provinz Luristan, in der Stadt Kermanschah und seit Mitte der 1980er-Jahre auch verstreut in anderen Teilen der Welt.
Die Religion der Kaka'i fußt im Zoroastrismus, einer dualistischen Religion, der zufolge es dem Menschen überlassen ist, sich für das Gute zu entscheiden.
Der Zoroastrismus entstand etwa zwischen 700–1200 v. Chr. und ist damit eine der ältesten bekannten Religionen. Der Glaube beruft sich auf Zarathustra, der im antiken Iran predigte. Zarathustras Lehren waren zu der damaligen Zeit revolutionär. In einer Zeit, in der die absolute Mehrheit an mehrere Götter glaubte, predigte Zarathustra über einen einzigen wahrhaftigen Gott, Ahura Mazda. Ebenfalls trifft man im Zoroastrismus auf Personifikationen der Elemente. So wird beispielsweise vor allem das Feuer verehrt, das den einen Gott symbolisiert. Es steht für Macht und Kraft und repräsentiert die höchste Wahrheit. Sämtliche Zeremonien und Rituale des Zoroastrismus wurden seit jeher stets im Beisein von Feuer abgehalten. Für die große Bedeutung des Feuers sprechen auch die zahlreichen Feuertempel.
Im Jahre 622 v. Chr. wurde diese Religion "Staatsreligion" des Mederreiches, der ersten Herrschaftsdynastie in der Geschichte der Kurden. Eine Verfolgung der Religion setzte mit der Eroberung der Gebiete durch islamische Herrscher zwischen 750 und 900 n. Chr. ein. Gegen die Herrschaft des Islams formten sich stärker werdende oppositionelle Bewegungen, nicht nur der kurdischen Anhänger dieses Glaubens, sondern auch anderer altiranischer religiöser Gruppen, wie der Jeziden und der Anhänger des Mazdaismus, die zu zahlreichen Kämpfen und Aufständen führten.
Zwar gingen viele schriftliche Zeugnisse verloren, als das heutige Kurdistan zu einem Teil der islamischen Welt wurde und damit auch der Glaube der Kaka'i der Verfolgung ausgesetzt war. Es gibt jedoch einige religiöse Bücher, wie zum Beispiel Seranjam, Rmuzu, Srudi, Yarsan und Hewtewane, Chilten, Defteri-Newroz, Prdewar, Defteri Taymur, Defteri Schah-Xoschin, Defteri Schnerwe, die überliefert wurden und bis heute zugänglich sind. Sie behandeln kulturelle und religiöse Aspekte, Traditionen, Zeremonien und beinhalten Berichte und Schriften über für den Glauben heilige Propheten wie Sultan Eshaq, der Sohn des Scheichs Esa, Muses Ebraham, Babaxoshin, San Zahak, Imam Ali und ihre Engel und Teufel wie Benyamin.
Die Vorstellungen der Kaka'i vereinen heute Elemente verschiedener Religionen: neben solchen der zoroastrischen, finden sich solche des Christentums, wie die Zeremonie der Namensgebung, oder solche der jüdischen und muslimischen Religion, mit der sie bspw. die Beschneidung von Knaben verbindet. Elemente des Buddhismus bestehen unter anderem in dem Glauben an die Seelenwanderung.
Die Seelenwanderung (Duna Dun) ist ein zentrales Element der Glaubensvorstellung der Kaka'i. Dabei wird der Körper als "Gestalt" und die Seele als "Kraft" angesehen, der Charakter und die Persönlichkeit werden der Seele zugeschrieben. Die Seele wandert universell, d.h. die Wanderung ist nicht auf die Kaka'i begrenzt, sondern der Austausch vollzieht sich zwischen allen Menschen und Tieren auf der Erde. Die Seele eines verstorbenen Anhängers des Kaka'i-Glaubens wandert in einen neugeborenen Menschen. Beim Übergang von einer Generation zur nächsten entwickelt sich die neue Generation durch Seelenwanderung aus den Seelen der Toten in neue Körper. Auf diese Art und Weise lebt die Gemeinschaft der Kaka'i weiter. Wenn der Verstorbene jedoch nicht nach den religiösen Regeln der Kaka'i gelebt hat, wird sich seine Seele im Körper eines wilden Tieres wiederfinden. Eine Seele kann mit den Maßstäben der Religion also als "gut" oder "schlecht" bewertet werden. Die Kaka'i glauben, dass der Seele eines Menschen immer eine bestimmte Macht innewohnt, sowohl vor als auch nach dem Tod. Die Macht seiner Seele kann ein Mensch im Leben durch seine Taten erhöhen.
Die Seele kann nach dem Tod in einem neugeborenen Menschen als Mann wie auch als Frau wiedergeboren werden, unabhängig vom Geschlecht des Sterbenden. Mann und Frau sind demnach nur verschiedene Gestalten mit der gleichen Kraft, beseelt durch einen gleichwertigen "Geist". Dies begründet eine Vorstellung der Gleichwertigkeit von Frauen und Männern, die auch für den Alltag Konsequenzen geltend macht, und zwar anders als die umgebenden muslimischen Ethnien.
Der Lebens- und Wirkungsraum der Frauen wird nach dem Glauben nicht auf das Haus reduziert und sie werden nicht gezwungen, sich zu verschleiern oder zu heiraten.
Das Zusammenleben und die Modi der sozialen Bindungen der Kaka'i werden durch ihren Glauben maßgeblich geprägt. Ihre Religion ist für viele eine stetige Erinnerung an ihre Vergangenheit und ihre kurdische Herkunft, denn sie betrachten ihre Religion als ursprüngliche Religion der Kurden. Trotz oder gerade wegen der Islamisierung der Kurden hat der Glaube zur Entstehung eines ethnischen Identitätsbewusstseins bei den Kaka'i beigetragen und ist zentral für bestimmte Deutungsmuster in der Kaka'i-Gesellschaft.
Eine drastische Differenz des Stellenwerts der Religion der Kaka'i zwischen Selbstbild und Fremdwahrnehmung durch die anderen Kurden ist festzustellen: Die politische Führung der Kaka'i begreift die Religion auch als ein Mittel zur Bekämpfung der Unterdrückung auf dem Weg zu einer gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Gleichberechtigung auf ihrem Territorium. Die übrigen Kurden sehen den Glauben der Kaka'i allerdings nicht als eigenständige Religion, sondern vielmehr als eine geistige Bewegung, die neben den gemeinsamen, nationalen Zielen nur eine untergeordnete Rolle spielt.

Playlist / Zusatzinfo:

Kamkaran Ensemble
Razbar Ensemble
Ayfer Düzdas: Lo wer meke, Çerkez Xatûn, Hey Narim
Mikail Aslan: Xatûnê, Çem vano, Adirê Zerê Ma
Nizamettin Araç & Adnan Karim & Kanî & Bijar Kamkar: Zenbîlfirosh
Sahar Zibaei
Aynur Dogan, Min digo mele
Tara Mamedova, Jinan Shengalê