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Sendung vom 07.02.2021 18:00:

Kurdische Musik

Musika Kurdî

Es sind seltsame Zeiten, die wir gerade erleben mit Pandemie-Maßnahmen, Ausgangsbeschränkungen und körperliche Distanzierung, wo Abstand halten zur neuen zwischenmenschlichen Nähe und Verantwortung geworden ist und wo wir unsere Zeit vor allem zuhause verbringen (müssen). Radio oder Fernsehen sind Informationsflüsse, die uns zuhause erreichen, weshalb sie durch die veränderten Umstände eine verstärkte Aufmerksamkeit erfahren. Auch ROJ FM sendet weiterhin sein Programm in Corona Zeiten, zu dem ich sie herzlich einladen möchte. Diesmal geht es um kurdische Musik.

Kurden sind mit fast 40 Millionen Menschen das weltweit größte Volk ohne eignen Staat. Ihr streben um die Selbstbestimmung und einen eigenen Staat in ihren traditionellen Siedlungsgebiet hat ihr Schicksal über die letzten 100 Jahre geprägt. Aber auch Migration und Exil gehören zu ihrer Kulturgeschichte, die nun seit fast 60 Jahren auch fest mit Europa verbunden ist. In der frühen 1960er Jahren kamen mit der Arbeitsmigranten aus der Türkei auch die ersten Kurden nach Europa. Ihnen folgten seit den 1970er Jahren nach unzähligen Aufständen und Kriegen kurdische Flüchtlinge aus der Türkei und dann auch aus Süd- und Ostkurdistan, sei es wegen der bewegten politischen Verhältnisse im Iran nach der islamischen Revolution 1979 oder nach dem zweiten Golfkrieg. Zuletzt fand ein Exkodus in Folge der Kriege im Irak und Syrien statt.

In der Türkei bestand seit der Republikgründung durch Atatürk die Politik "Ein Staat, eine Nation, eine Sprache, eine Identität". Bis in die 1980er Jahre war kurdische Sprache verboten wie auch die kurdische Musik. Nach einer Zeit der Entspannung und des Aufbruchs gibt es heute erneut starke Kräfte der türkischen Regierung, die das kurdische Leben und die demokratische Selbstbestimmung zu unterbinden versuchen mit Bombardierungen, Zensur der kurdischen Medien und Verboten kurdischer Kulturveranstaltungen und Organisationen.

Im Iran wurde kurdische Musik lange als politisch gefährlich betrachtet und besonders beobachtet. Dort steht die kurdische Musik seit je unter der generellen staatlichen Kontrollinstitutionen für Kultur.

Im Irak sicherte seit 1970 ein Abkommen den Kurden politische Autonomie im Norden des Landes zu, dazu zählte auch die freie Ausübung von Sprache, Literatur und Musik, auch wenn es noch viele unruhige Jahre geben sollte, in denen sich verschiedene politische Gruppen bekämpften. Dennoch konnten die kurdischen Musiker auch am Konservatorium in Bagdad studieren und später für die kurdischen Radios in den Autonomiegebieten und in der Hauptstadt Erbil arbeiten. Die heutige Millionenstadt ist berühmt als älteste kontinuierlich bewohnte Siedlung der Welt, ihre Zitadelle wurde auf die UNESCO-Welterbe-Liste aufgenommen. Wohlstande und politische Stabilität machten sie seit Anfang des Jahrtausends zu einer Boomtown mit reichen kulturellen Leben. Zahlreiche Künstler kehrten aus dem Exil zurück, siedelten sich dort an und starteten Kulturprojekte. Aber bis alle kurdischen Siedlungsgebiete befriedet sind, werden wohl noch viele Epen gesungen werden müssen. Selbst in Zeiten allgegenwärtiger Medienpräsenz ist es gerade die kurdische Musik, die die Menschen die Geschichten der Kriege und Bedrohungen nachfühlen lässt. Sie findet den wahrhaften Ton für die Heldentaten und Niederlagen heute und im Lauf der Zeiten. So wird der im Kampf gefallenen Peshmerga gedacht, den eine Nacht hindurch mit Gesang und Tanz verabschiedet werden. Der epische Gesang verklärt nostalgisch die Erinnerung und stärkt die Zuhörer in den harten Zeiten. Er hilft den Glauben und die Identität zu wahren, wirkt wie ein ständiger Aufruf zum Kampf gegen das Leid, besingt die Freude und Sorgen des Alltags.

Traditionell gibt es drei Arten von kurdischen Sängern: die Geschichtenerzähler Çîrokbêj, die Minnesänger Stranbêj und die Barden Dengbêj. Sie stammen normalerweise aus traditionellen Musikerfamilien.

Es sind vor allem die kurdischen Frauen, die Liebeslieder komponierten und sie zumindest in ihrer Familie, ihrem Dorf oder Tal sangen. Diese Liebeslieder wurden von den Minnesängern Stranbêj gesammelt und mit auf die Reise genommen Ihr Repertoire umfasst Lieder mit erotischer Poesie, die trotz der islamischen Kultur sehr direkt und leidenschaftlich sein konnten. Die Sänger wurden sehr geschätzt für die Schönheit ihres poetischen Vortrags und für die Fähigkeit, große Gefühle auszudrücken und bei anderen hervorzurufen.

Es gibt in der ländlich geprägten kurdischen Kultur auch ein großes Repertoire von Liedern zur Begleitung der Arbeit, etwa beim Spinnen der Wolle, beim Weben der Teppiche, beim Dreschen des Korns, beim Hüten der Herden und anderen Tätigkeiten des Landlebens.

Familienfeste haben in der kurdischen Kultur große Bedeutung. Während dieser Feste singen und tanzen Jung und Alt, Männer und Frauen gemeinsam über viele Stunde, die Lieder werden dabei von Musikern mit der Oboe Zurna und der großen Trommel Dhol begleitet. Das wichtigste aller Feste ist jedoch Newroz, das traditionelle kurdische Neujahr am 1. März (am 21. März nach christlicher Zeitrechnung). Neben Musik und Tanz wird es mit besonderen Ritualen gefeiert, die auf die vorislamische Zeit zurückgehen. Im Mittelpunkt dieser Rituale steht die Verehrung des Feuers und der Sonne.

In allen Formen kurdischer Musik hat die Stimme eine führende Rolle, und die Instrumente übernehmen die Begleitung. Die traditionellen Instrumente wie Oboe und die Flöten Ney, Bloor und die Seiteninstrumente Tenbur oder Saz stammen dem bergigen Norden. Die Kniegeige Kemenche, die Oud und die Zitter Santur kommen aus dem Süden.

Die Rhythmus kurdische Musik wird von der Poesie vorgegeben. Es lassen sich in wesentlichen fünf Rhythmus-Elemente hören. Am häufigsten werden zwei Versen mit jeweils zehn Silben verwendet. Dies scheint wohl die älteste Rhythmus-Form zu sein. Die Melodien der Verse werden meist mit nur drei Noten gesungen. Die Lieder haben Strophen mit einem Refrain am Ende.

Kurdische Musik ist modal. So lassen sich alle Maqam (die Modi) der persischen traditionellen, klassischen und Volksmusik auch in der kurdischen Musik zu finden. Es wird vermutet, dass die kurdische Musik einer der Ursprünge ist, aus denen die persische Musik entstand.
Die politische Lage in Kurdistan hatte eine große Migration und auch Flucht von vielen kurdischen Musikern ins Ausland zur Folge. Deutschland und Schweden waren die wichtigsten Exilländer. Im Exil waren die kurdischen Musiker frei in ihrer künstlerischen Arbeit, konnten auf kurdisch singen, öffentlich für die kurdische Diaspora auftreten, sie konnten ihre Musik aufnehmen und veröffentlichen, die Musik wurde im Radio gespielt. Lange waren die wichtigsten kurdische Studios und Musikproduzenten in Deutschland, ihre Produktionen wurden dann in der Türkei unter der Hand vertrieben. Ab 1991, als das Verbot der kurdischen Sprache in der Türkei aufgehoben wurde, ging nach und nach ein Großteil der kurdischen Musikproduzenten nach Istanbul und dann 2005 auch nach Hewlêr. Im Exil begegneten die kurdischen Musiker anderen Musiktraditionen und Musikszenen, so dass sich neue Formen kurdischer Musik entwickelten, die auch für ein europäisches Publikum, das nicht die Poesie der Epen oder die Verse der Liebeslieder versteht, zugänglich und attraktiv waren.


Playlist / Zusatzinfo:

Aynur Dogan, Rewend
Cemil Koçgirî, Ezi time
Sivan Perwer, Dûr_Dûr
Gani_Mirzo_Band & Firmesk
Kayhan Kalhor & Erdal Erzincan
Kurdophone, Chah-e Bijan
Niyaz, Sosin
Mikail_Aslan, Xatunê
Yalda Abbasi, Ey Del
Cemil Koçgirî, Enterring the Sphere
Ciwan Haco, Behr
Sivan Perwer, Canê canê
Cemil_Koçgirî, Ero bêzar
Erol Berxwedan, Delala Dilê min yarê


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