Musik aus Österreich
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Sendung vom 08.12.2016 14:00:

Birgit widmet sich: Laura Rafetseder

Musik aus Österreich

Mitten in der Karasee, einem Seitenmeer des Nordpolarmeers, liegt die Insel Einsamkeit (russisch остров Уединения, norwegisch Ensomheden). Sie ist Schauplatz des zweiten Soloalbums von Laura Rafetseder, Swimmers in the Arctic Sea. Themen des Albums sind Getrenntsein und Einheit auf einer persönlichen Ebene, Entsolidarisierung und Solidarisierung auf einer gesellschaftlichen Ebene.
Laura Rafetseder: „Swimmers in the Arctic Sea ist inspiriert von der diffusen Angst, die wir angesichts einer unsicherer werdenden Welt mit Kriegsgefahr und steigender Arbeitslosigkeit jeden Tag fühlen, Angst vor der Zukunft, Angst um die, die wir lieben, Sorge, wie wir uns über Wasser halten sollen. Diese Angst ist wie Einsamkeit und Entfremdung ein Symptom der Klassengesellschaft. Sie wird wie viele negative Gefühle für gewöhnlich verdrängt, unterdrückt, und von Hochglanzwerbung überdeckt. Es ist unser Auftrag als KünstlerInnen, den Finger darauf zu legen und zu sagen, was da ist.“

Das Cover, auf dem die Insel zu sehen ist, gestaltete die Künstlerin Angela Dorrer, die sich seit Jahren zeichnerisch und performativ mit Kartografie beschäftigt und sich mit ihren "Handscapes" einen Namen gemacht hat. Exklusiv zum Album-Launch gestaltet sie künstlerische Unikate in einer limitierten Sammlerauflage von 33 Stück, nummeriert und handsigniert, die gemeinsam mit der CD zu erwerben sind.

Musikalisch wirken auf dem Album VertreterInnen der Wiener SingerSongwriter- und Folk-Szene unterstützend mit: Stephan Steiner an der Violine, Patrizia Sieweck an der zweiten Stimme, Marc Bruckner an Bass, Mundharmonika und Percussion, Markus Brandstetter an der Ukulele und Gernot Feldner am Klavier.

Die Vorabsingle beating hearts, gleichzeitig Schlüsselsong des Albums, wurde bereits im Februar dieses Jahres veröffentlicht, und schaffte es unter die Top Ten des Protestsongcontests 2016.
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Die Insel Einsamkeit taucht erstmals in blues in your lover's eyes auf, dem zweiten Song des Albums. Die Liebenden schwimmen immer wieder zu ihrer jeweiligen Insel der Einsamkeit, auf der Suche nach sich selbst. Laura Rafetseder: „Wir brauchen diese Insel, um uns als Individuum von eigener Identität wahrnehmen zu können.“

Das Persönliche und das Globale werden sich auf Swimmers in the Arctic Sea immer wieder begegnen. Denn es geht auch um das Verhältnis der beiden zueinander: Ich und die Welt.

Und an dem krankt es. Denn in Zeiten der kapitalistischen Krise greifen Entfremdung und Entsolidarisierung immer mehr um sich. Konflikte treten immer stärker zu Tage. Der Kampf ums Überleben wird härter ("in a time when living gets harder" - hostile shore). Es gibt keine Sicherheiten mehr, an die man sich klammern kann. Laura dazu: „Wir alle sind ‚swimmers in the arctic sea‘, wir schwimmen im Nordpolarmeer, inmitten von uns isolierender sozialer Kälte, auf dem Weg zur Insel Einsamkeit.“

Aber es gibt eine Gegenbewegung, Menschen die aufstehen und sich wehren, die sich solidarisieren und gemeinsam kämpfen. Nur so können wir unser Getrenntsein, unsere Isolation überwinden: "we should be holding hands at midnight" (beating hearts). Besonders beating hearts ist ein Appell zur Überwindung der Spaltungen, ein Aufruf zur Solidarität.

Auch in those who made no sound begegnen sich das Globale und das Persönliche - an sich ein Liebeslied, erzählt es vom Höhepunkt und Vergehen einer Liebe, aber es ist auch die Welt, die sich entliebt, und in der zunehmend Konflikte entstehen. In hostile shore verlieben sich die Akteure in einer zunehmend verrückter agierenden Welt. Laura: „Mich hat diese Sache mit den im Mittelmeer ertrinkenden Kinder zutiefst erschüttert... Was, wenn das mein Kind wäre? Was, wenn ich flüchten müsste?“

Manchmal fühlen wir uns so hilflos, dass das einzige, an dem wir uns festhalten können, die Liebe ist ("i put my arms around you and we hold each other tight" - hostile shore). Aber selbst die ist ein höchst unsteter Genosse. Sie kommt und geht, und was bleibt, ist eine vage Ahnung davon, wer wir wirklich sind oder sein können. ("i am mostly me these days and i like who i've become" - we were young and wounded; "clouds they just come and go but it's you who holds on" - blues in your lover‘s eyes).

In broken free wird klar, dass die Vorgaben, die die Gesellschaft uns macht, Vorgaben sind, die wir nur begrenzt erfüllen können, die nicht passen, wo klar ist, dass wir die Fesseln des Systems sprengen müssen.

Swimmers in the Arctic Sea fragt danach was sein könnte. Laura: „Wir könnten so viel mehr sein, als der Kapitalismus es zulässt. Er steckt uns in kleine Boxen und verlangt von uns, dass wir funktionieren, in der Liebe wie im Leben. Wer mehr vom Leben will, stößt ständig an die Grenzen dieser Gesellschaft. Aber wir wollen mehr. Wir wollen das ganze Leben. Wir greifen nach den Sternen und we will reach them all.“

Swimmers in the Arctic Sea ist inspiriert von der Idee, dass wir uns eines Tages von unseren Knien erheben und den ganzen Kuchen verlangen, denn: "we are so much stronger than we think" (beating hearts)